Dass die ehemaligen Bergleute nicht ständig in Erinnerungen an ihre Zeit als Kumpel schwelgen, wurde uns schon bei unserem ersten Besuch beim Bergmannsfrühstück klar. Die Mitglieder des Geschichtskreises Zeche Graf Moltke möchten aktiv die bergmännische Kultur pflegen und ihr Wissen über die Welt der Bergleute an die nachfolgenden Generationen weitergeben, denn nur, wer die Vergangenheit des Ruhrgebiets und seiner Bewohner kennt, kann die Zukunft gestalten. Deshalb, so berichten uns die ehemaligen Bergleute, engagieren sie sich besonders für Kinder und Jugendliche an Grund- und Hauptschulen und junge Leute mit Migrationshintergrund.
Die Aktentasche 1. Teil
Ausgerechnet am Sonntag, seinem freien Tag, regnet es seit den Morgenstunden unaufhörlich. Schon gestern war wieder so ein Tag, den Heiner verflucht hat. Ausnahmsweise hatte er an einem Samstag frei, aber wie das Leben spielt, haben sich eine Menge Dinge angestaut, die erledigt werden mussten. So rannte er in der Stadt von Juwelier zu Juwelier, weil sich seine Freundin Vera zum Geburtstag ein ganz bestimmtes Armband gewünscht hat. Natürlich gab es enorme Preisunterschiede, und er hätte gar nicht sagen können, dass die teuren Armbänder unbedingt auch die waren, denen man den Preis ansehen konnte. Letztlich entschied sich Heiner aber doch für ein Schmuckstück, das ihm die Verkäuferin empfohlen hat, obwohl damit eigentlich schon seine Schmerzgrenze überschritten war. Als er endlich mit dem Geschenk nach Hause kam, reichte die Zeit nicht einmal mehr zum Wechseln der Winter- auf Sommerreifen.
Ein Zeitzeuge
Der Arzt H. St. Hartmann pendelte Mitte des 19. Jahrhunderts zwischen Amerika und Europa, um bei fast allen spektakulären Eingriffen seiner Zeit dabei sein zu können. Nur selten haben die langen Wege ihn daran gehindert, denn das Flugzeug war noch nicht erfunden. Und es kam immer wieder vor, dass man sogar auf ihn gewartet hat und die Operation deshalb hinauszögerte. Seine gesammelten Erfahrungen hat er in den Bänden „Das Jahrhundert der Chirurgie“ und „Das Weltreich der Chirurgen“ zunächst für die Nachwelt festgehalten. Für eine Veröffentlichung seiner Werke hat er zur Bedingung gemacht, dass nur der Nachfahre Nutzen aus seiner umfangreichen Dokumentation ziehen darf, der sowohl Arzt als auch Schriftsteller ist. Sein Enkel Jürgen Thorwald hat diese Voraussetzungen erfüllt, die medizinischen Sensationen rund einhundert Jahre später äußerst spannend aufbereitet und unter dem Titel „Die Geschichte der Chirurgie“ veröffentlicht.
Wie wurden früher Operationen durchgeführt?
Vor der Einführung der Anästhesie, also einer gezielten und wirksamen Schmerzausschaltung, mussten Operationen bis zum Jahre 1846 ohne Betäubung durchgeführt werden. Oftmals sind die Patienten nicht an der eigentlichen Operation, sondern an einem Schock gestorben. Für einen Chirurgen der damaligen Zeit zählte nur die Schnelligkeit und es war die Regel, sehr zügig zu arbeiten. Von Robert Liston ist überliefert, dass er bei der ersten in Narkose durchgeführten Beinamputation aus Gewohnheit noch schnell gearbeitet hat, denn die Chirurgen standen vor der Einführung der Anästhesie unter enormem zeitlichen Druck. Heute misst man dem Zeitfaktor für eine Amputation nur noch eine untergeordnete Rolle zu, denn der Erfolg einer Operation und die Genesung des Patienten stehen im Vordergrund!
Das frühe Interesse am menschlichen Körper
Schon der 199 n. Chr. verstorbene Galenos von Pergamon, den die meisten Menschen nur unter dem Namen Galen kennen, war neugierig, wie ein Körper von innen aussieht. Der Leibarzt von Marc Aurel war Gladiatorenarzt und hat auch die Funktionen des Gehirns und die davon ausgehenden Nerven nachgewiesen. In Schriften hat er darüber berichtet und über Jahrhunderte haben alle Gelehrten sein „Wissen“ ungeprüft übernommen. Doch der Ende des 15. Jahrhunderts zur Welt gekommene Theophrast von Hohenheim, besser bekannt unter dem Namen Paracelsus, äußerte schon Kritik an der von Galen verbreiteten Lehrmeinung. Diese „Viersäftelehre“ beruhte auf der Annahme, dass alle Krankheiten auf einer Störung des Gleichgewichts der vier Körpersäfte (Schleim, schwarze und gelbe Galle, Blut) beruhen. Mutig hat er die bis dato gültigen Lehren der Schulmedizin als Irrlehren angeprangert und seine Kollegen als „Kurpfuscher“ beschimpft. Es liegt auf der Hand, dass ihm seine Kollegen das verübelten und ihn zu ihrem Gegner machten. Paracelsus selbst hat noch dazu beigetragen, die Kluft weiter zu vertiefen und so hat er auch die Apotheker mit der von ihnen hergestellten „Drecksmedizin“ angegriffen.
Mein Opa war Bergmann – 1. Teil
Anna besucht die dritte Klasse der Mosaikschule in Gladbeck. Heute sollen die Schüler mit Wachsmalstiften ein herbstliches Bild malen. Ihre Lehrerin Frau Welscher hat ihnen die Entscheidung des Motivs überlassen. Einige Kinder haben sich für eine Landschaft entschieden, andere für einen Garten. Alle arbeiten über ihre Zeichenblöcke gebeugt mit Begeisterung an ihrem Bild, bis plötzlich Hatice laut auflacht. Anna ist versehentlich mit ihren beschmierten Fingern über ihr Gesicht gefahren, das jetzt ganz schwarz ist. Recep sieht von seiner Zeichnung auf und ruft: „Wie siehst du denn aus? Wie mein Opa!“
Ein paar grundsätzliche Dinge zur Handhabung dieses Buches
Mein Anliegen ist es, Ihnen als Patient die Angst vor einer Operation zu nehmen. Nun kann niemand im Voraus sagen, wie ein Eingriff verlaufen wird. Das ist aber nicht nur bei Operationen der Fall: Sie machen sich auch keine Gedanken darüber, wie Ihre tägliche Fahrt zur Arbeit verlaufen wird oder ob Sie nicht gerade heute unglücklich stürzen werden. Allenfalls bei einer längeren Urlaubsfahrt kommen Sie schon einmal ins Grübeln und hoffen, dass Sie Ihr Ziel unbeschadet und ohne Zwischen fälle erreichen werden.
Was alle anderen kritischen Situationen von der Gefahr, die von einer Operation ausgeht, unterscheidet, ist lediglich die Unkenntnis darüber, was während eines Eingriffs geschieht. Was sich hinter verschlossenen Türen abspielt, zu denen außer den Ärzten und den OP-Schwestern niemand Zutritt hat, wissen die meisten Patienten nicht. Allein diese Tatsache macht vielen schon Angst! Mit diesem Buch will ich genau diese Wissenslücke schließen und Einblicke in eine unbekannte Welt geben.
Mit dem Förderkübel unter Tage
Die Bergbaugeschichte Gladbecks nahm ihren Anfang im Dezember 1873 mit der Abteufe von Schacht I westlich der Landstraße zwischen Gladbeck und Horst, denn bevor die Zeche „Rieckchen“ errichtet werden konnte, mussten erst einmal die Voraussetzungen geschaffen werden. Damit die ersten Bergleute mit dem Ausbau des Streckennetzes beginnen konnten, wurde der Schacht, in dem später der Förderkorb die Bergleute unter Tage befördern sollte, ausgehoben. Den ersten Spatenstich machte der Gladbecker Bergmann Lindemann und parallel zur Abteufe entstanden das Kesselhaus, ein Malakowturm, eine Dampffördermaschine für zwei Förderkörbe, eine Waschkaue sowie ein Verwaltungsgebäude.
Das Steinkohlengebirge wurde im Jahr 1875 bei einer Teufe von 306 Metern erreicht und man wagte sich noch bis auf insgesamt 458 Metern weiter in die Tiefe. Das Bergwerk wurde im Jahr 1879 in „Graf Moltke“ umbenannt und direkt neben Schacht I wurde in den Jahren 1884 bis 1887 Schacht II niedergebracht. Große Wassereinbrüche erschwerten die weiteren Arbeiten. Bereits mit dem Aufkauf durch die Zeche „Nordstern“ am 1. Januar 1899 wurden freie Felder in Gladbeck-Brauck erschlossen, auf denen von 1900 bis 1903 Schacht III und in unmittelbarer Nachbarschaft dazu von 1902 bis 1904 Schacht IV abgeteuft wurden. Erst die Phoenix AG baute nach der Übernahme am 1. Januar 1907 das Bergwerk zu einer technisch bestens funktionierenden Anlage aus.
Von der Idee zur Tat
Mein erster Schritt bestand darin, dass ich einen guten Bekannten um eine Vermittlung bei den entsprechenden Stellen der Ruhrkohle AG gebeten habe. Nachdem das erste Feedback mir Hoffnungen machte und ich ungeduldig nachfragte, wurde ich belehrt: Der Bergbau plant zwar lange, aber dafür auch gut! Und selbstverständlich müsse mein Besuch bei der Bergbehörde beantragt und genehmigt werden. Da es sich in diesem Fall nicht nur um eine normale Grubenfahrt handelt, wie sie sonst schon mal Besuchergruppen erlaubt wird, müssen enorme Anstrengungen für diesen Ausnahmefall seitens der RAG unternommen werden. So hieß es für mich, dass ich mich weiterhin in Geduld üben muss, was nicht gerade zu meinen Stärken zählt.
Buer – Dienstag, 7. März 1972, 9.30 Uhr
Gerade klingelt es zur großen Pause. Das wird aber auch langsam Zeit! Frau Middeldorf unterrichtet die Hauptschüler einer neunten Klasse in Buer im Fach Erdkunde und ihr Unterricht wirkt auf die Schüler wie eine Schlaftablette.
„Halt! Noch einen Moment! Als Hausaufgabe gebe ich euch …“, Frau Middeldorf verstummt, denn die Hälfte der Schüler hat schon längst den Klassenraum verlassen, und die übrig gebliebenen strafen ihre Lehrerin mit Missachtung.