Über mich

31. August 2010

Als ich zehn Jahre alt war entdeckte ich das Bücherregal meiner Eltern. In der obersten Reihe standen die Bücher von Friedrich Arnold Brockhaus, der wohl viel zu wissen schien, denn seine Bücher füllten die gesamte obere Reihe. Ich nahm das erste Buch aus dem Regal und las es von vorne bis hinten. Danach holte ich mir das nächste Buch und las auch dies.
Mit zwölf Jahren hatte ich alle Brockhaus-Bände gelesen und möchte mich bedanken für die viele Arbeit, die sich Herr Brockhaus gemacht hat, um das gesamte Wissen zusammen zu tragen. Denn für mich bedeutete dies, dass ich in den folgenden Jahren nur selten für die Schule lernen musste. Leider endete das Wissen des Herrn Brockhaus in der 10. Klasse und somit auch mein Wissen.

Das nächste Buch im Bücherregal meiner Eltern war ein Roman. Die Geishas des Captain Fisby von Vern Sneider. Eine sehr unterhaltsame Satire über die amerikanische Besatzung auf Okinawa.
Als ich mir das nächste Buch aus dem Regal holen wollte, war etwas Seltsames geschehen. Das Buch, auf das ich mich schon gefreut hatte, stand nicht mehr an seinem Platz. Der Titel war Liebe ist nur ein Wort von Johannes Mario Simmel.
Jetzt bemerkte ich, dass auch andere Bücher ihre Position gewechselt hatten. Sie waren aus der zweiten und dritten Reihe weiter nach unten gewandert. Meine Eltern hatten ein paar Bücher umgestellt, weil sie wohl meinten, dass ich für einige Bücher noch zu jung sei. Damit hatten sie auch die Reihenfolge, nach der ich lesen wollte, geändert und deshalb nahm ich kein Buch aus dem Regal. Stattdessen schaute ich lustlos auf die Karl May- und Lassie-Bücher in meinem Zimmer, die ich jedes Jahr geschenkt bekam und nie gelesen habe.

Am nächsten Tag betrat ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Buchhandlung und bestellte mir ein Buch, aus dem ich am Vortag einen Abschnitt in meinem Deutsch-Lesebuch gefunden hatte. Der Titel war Drei Kameraden von Erich Maria Remarque. Als ich das Buch ausgelesen hatte, dachte ich lange darüber nach, warum der Autor sich nicht einfach Erich Remarque nannte. Maria, das war doch lächerlich. Ein Mann mit dem Vornamen Maria.
Mein Deutsch-Lesebuch erwies sich als gute Quelle für neuen Lesestoff, denn als nächstes holte ich mir das Buch Wer einmal aus dem Blechnapf frißt von Hans Fallada aus der Stadtbücherei. Hier fand ich auch noch einige Bücher von Remarque, die ich dann gleich verschlungen habe.

Zu Beginn der Weihnachtszeit mussten wir Kinder eine Liste, mit unseren Geschenkwünschen, für unsere Eltern und Verwandten erstellen. In diesem Jahr standen auf meiner Wunschliste achtundsiebzig Bücher, die ich unbedingt lesen wollte, fein säuberlich nach Autor, Titel und Verlag aufgelistet.

Als ich das Blatt meiner Mutter in die Hand gedrückt hatte und wieder in meinem Zimmer verschwunden war, hörte ich meine Eltern tuscheln:
„Homo faber“ sagte meine Mutter. „Der Junge wird doch nicht…“.
„Henry Miller“ murmelte mein Vater. „Das ist doch dieser sexbesessene Amerikaner“.
Und nach einer Weile „…und wer zum Teufel ist dieser Kafka“.

Die Bücher auf meiner Liste gab es nicht im Buchclub meiner Eltern. Vermutlich hat mein Vater die Bücherliste mit der Buchhändlerin besprochen. Zu Weihnachten bekam ich jedenfalls einige der Bücher. Homo faber und Henry Miller waren aber nicht dabei. Dafür aber Franz Kafka, die drei Romane in einem Band. Sogar von Heinrich Böll, den mein Vater für eine linke Socke hielt, bekam ich einige Bücher.

Das war vor 40 Jahren und da ich nicht gestorben bin, lese ich noch heute.

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